Der Dobermann im Supermarkt

Neulich war ich Einkaufen, im Edeka im Tempelhofer Hafencenter. Ich flanierte durch die Gänge und füllte meinen Einkaufskorb mit dem üblichen Stuff, als mir plötzlich eine junge Frau ins Auge fiel. Sie war sehr hübsch, stand in einem Gang und studierte die Preisschildchen der Frühstückscerealien.

Ich schlenderte beiläufig auf sie zu, vorbei an einem Pärchen, das einen Dobermann mit sich führte – unerlaubterweise, möchte ich anmerken. Der Dobermann sah mir hechelnd zu, wie ich mich der jungen Frau näherte. Sie schaute kurz auf, unsere Blicke trafen sich, und unsere Augen hielten einander fest, für diesen einen Moment, der einem immer eine Sekunde zu lang vorkommt. Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über ihre Mundwinkel.

Ich wollte etwas sagen, aber sie kam mir zuvor, und sagte mit glockenheller Stimme: „Also SO willst du Leser für deinen Blog catchen, Schwartz? Mit einer schwülstigen Lovestory? Gott, wie peinlich!“

Ich fühlte mich ertappt und wurde wütend. Doch anstatt in meinen Einkaufskorb zu greifen, die Büchse mit dem Erbenseintopf Hubertus zu packen und ihr damit ein Loch in den Schädel zu schlagen, erwiderte ich bloß schüchtern: „Was soll ich sagen? Ich hab einen Blog gelesen, in dem man lernt, wie man Blogs schreibt. Da stand, dass man in seine Geschichten emotionale Trigger einbauen soll, um seine Leser bei der Stange zu halten.“

„Ach, dieser Marketingscheiß!“ Sie lachte, und ihre glockenhelle Stimme brachte Einmachgläser in den Regalen zum Bersten und den Dobermann zum Jaulen. „Und was sind dann deine Unique Selling Points? Wie willst du den Conversion Flow pushen?“ Sie betonte diese widerlichen Marketingbegrifflichkeiten mit so viel Verachtung, dass ich mir für einen Augenblick wünschte devot veranlagt zu sein, und mich von ihr an ein Andreaskreuz gefesselt auspeitschen zu lassen.

Dabei hatte sie Recht. Mit allem. Das schöne Intro kann nicht kaschieren, dass ich nicht die geringste Ahnung habe, was ich in meinem ersten Blogeintrag schreiben soll. Fest steht nur, dass ich etwas schreiben muss. Ich habe auf Instagram, Facebook und Twitter gefragt, was die Leute davon halten würden, wenn ich einen Blog anfange zu schreiben. Und bis auf einen leichten statistischen Ausreißer bei Twitter (38% stimmten in der Umfrage mit „Nein danke“) war eine überwältigende Mehrheit dafür.

Und ich habe vor Jahren bereits mal einen Blog geschrieben. Unregelmäßig und ohne Konzept, okay, aber immerhin. So schwer kann das ja nicht sein. Dachte ich mir. Bis ich vor dem leeren Dokument saß, überlegte, wie ich diesen Blog eröffnen könne und mir schließlich diese junge Frau aus den hintersten Winkeln meiner Vorstellungskraft quetschte, die nun hier im Edeka vor mir stand und mich provokant ansah, während der Dobermann das Eingemachte vom Boden leckte.

„Ein misslungener Flirt als erster Blogeintrag“, resümierte sie. Spott troff ihr von der Unterlippe und flutete den Gang. „Also sorry, aber wenn du fickst wie du bloggst, dann würde mich eher von diesem Dobermann hier f-„

„Oh bitte“, unterbrach ich sie, „dieser Blog soll wenn möglich keine Probleme wegen Sodomie bekommen. Auch nicht wegen Sodomie im Konjunktiv.“

„Wie dem auch sei“, sagte sie, griff nach einer Packung Crunchy Nuts und wandte sich zum Gehen, „auf diese Art wirst du nichts reißen. Schreib weiter, wenn du irgendwas hast, was dich von den anderen abhebt. Solange halte ich mich an den Dobermann.“ Sprach’s, drehte mir den Rücken zu und stolzierte mit ansehnlich wackelndem Arsch von dannen.

Der Dobermann sah auf, blickte ihr hinterher und dann mich an. Und das brachte mich auf eine Idee. „Und was ist mit Ralph Waldo Emerson?“ rief ich ihr hinterher.

„Wer ist das und was soll mit dem sein“, rief sie ohne sich umzudrehen.

„Ein amerikanischer Philosoph und Schriftsteller des 19. Jahrhunderts“, sagte ich, holte tief Luft und zitierte wörtlich: „‚An die Stelle von Romanen werden schließlich Tagebücher oder Autobiographien treten – faszinierende Bücher, wenn ein Mann es nur versteht, aus dem, was er für seine Erfahrungen hält, das auszuwählen, was wirklich seine Erfahrung ist, und die Wahrheit wahrheitsgemäß aufzuzeichnen.'“

Sie blieb stehen und drehte sich um. „Willst du mich gerade verarschen?“

„Nein“, sagte ich. „Ich meine damit: der einzige Content, den ich habe, ist das, was ich denke und mir vorstelle. Und wenn ich das ansprechend formuliert bekomme…“

„Voll der Ego-Trip“, unterbrach sie mich. „Aber hey, das passt. Du bist Rapper. Das kannst du machen. Aber verrat mir bitte noch eines.“

„Und zwar?“ fragte ich.

„Wie bist du jetzt von dem Dobermann auf das Emerson-Zitat gekommen?“

„Naja“, sagte ich. „Das war so. Als du gesagt hast, dass du dich eher von dem Dobermann, äh, du weißt schon, also, als du das sagtest musste ich an Henry Millers Buch Opus Pistorum denken, in dem in einer Szene ein Dobermann eine Kleinwüchsige – also, du weißt schon. Und mein Lieblingsbuch von Henry Miller ist Wendekreis des Krebses. Und diesem Buch ist das Zitat von Ralph Waldo Emerson vorangestellt.“

„Das hast du jetzt schön aufgelöst“, sagte sie, und lächelte erstmals offen und liebevoll.

„Heißt das, wir können jetzt -„, begann ich, aber sie schüttelte den Kopf.

„Auf gar keinen Fall, Schwartz. Aber das ist ein okayer Einstieg für den Blog. Wenn du jetzt noch dem blöden Pärchen da, das unerlaubterweise einen Hund mit in den Supermarkt gebracht hat, den Schädel mit dem Erbenseintopf Hubertus einschlägst, ist es perfekt.“ Und sie breitete die Arme aus, und ihr Körper löste sich auf zu Millionen Schmetterlingen, die auf und davonstoben.

„Ich danke dir“, rief ich den Schmetterlingen hinterher, griff in den Einkaufskorb, holte die Büchse Erbseneintopf hervor, und begann, dem überraschten Pärchen den Schädel einzuschlagen.    

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