Warum die meisten Serien (leider) scheiße sind

ACHTUNG: der folgende Beitrag enthält Spoiler zu folgenden Serien:

  • „You – Du wirst mich lieben“ (S01)
  • „Breaking Bad“ (S01-03)
  • „Deadwind“ (S01)
  • „Spuk in Hill House“ (S01)
  • „The Fall“ (S01-03)
  • „Chambers“ (S01)

Und außerdem noch ein allgemeiner Spoiler: Es kann nämlich sein, dass dieser Text euch sämtliche Serien der Welt verdirbt, ein für alle mal.

Serien – die wahrscheinlich beste Form des visuellen Erzählens

Ich sehe schon die ersten mit dem Kopf schütteln. Serien sollen scheiße sein? Unmöglich! Wie viele Stunden haben wir mit unseren Lieblingscharakteren gelitten? Wie viele Sonntage haben wir auf der Couch verbracht, und mit Walter White in Breaking Bad oder Joe Goldberg in You mitgefiebert?

Stimmt schon. Serien sind im Grunde die perfekte Kunstform für visuelles Erzählen. Sie verknüpfen die inhaltliche Komplexität von Romanen mit der erzählerischen Leichtigkeit von Filmen.

In Serien können Geschichten in Ruhe ausgestaltet werden. Irrwitzige Zufälle und Plottwists, die in Filmen wegen der gerafften Erzählweise unglaubwürdig wirken, sind fester Bestandteil von Serien, und sorgen für extra Spannung. Und das beste: in Serien existiert kein klares Gut gegen Böse, wie man es aus den meisten Filmen gewohnt ist. Figuren sind zwiespältig und haben immer ein Motiv. Die Grenzen verwischen: Böse Figuren sind nicht nur böse, gute sind nicht nur gut.

Sie sind so menschlich wie wir alle. Vermutlich ist das der Hauptgrund für den Erfolg von Serien.

Und dann kamen die Geldgeber

Wo der Erfolg ist, da sind die Produktionsfirmen. Seit einigen Jahren wird der Markt regelrecht geflutet. Im Wochentakt kommen neue Serien an den Start, neue Staffeln etablierter Serien werden wochenlang im Voraus diskutiert. Und der Start der finalen Staffel eines Serientitans wie Game of Thrones gleicht dem Start der Fußballweltmeisterschaft. Serien sind ein Milliardenmarkt.

Nun besteht dieser Markt aber aus zwei Teilen. Zum einen der geschäftliche Teil, wo Sender neue Serien ankündigen, weitere Staffeln bestellen und Investoren mit Millionen jonglieren. Und dann halt der kreative Teil, wo die Drehbuchautoren und Regisseure hocken, die sich die Köpfe zerbrechen dürfen, was denn nun in den 10 Folgen der bestellten Staffel passieren soll. 50 Minuten müssen mit Handlung gefüllt werden. Und genau hier fangen die Probleme an: manch eine Geschichte gibt einfach nicht genug her.

Um das zu kaschieren haben Seriendrehbuchautoren eine Reihe von dramaturgischen Tricks etabliert, mit denen sie es regelmäßig schaffen, gute Serie kaputtzumachen. Das wären u.a.

  • Rückblenden
  • Nutzlose Nebenhandlungen
  • Sinnloskonflikt
  • Das Totlabern

„Ich erzähl dir, wie es war. Ob du willst oder nicht.“ – Die Rückblende

Die Rückblende ist eines der einfachsten, aber auch problematischsten Stilmittel überhaupt. Drehbuchautoren mögen Rückblenden, denn man kann sie beliebig einbauen und kriegt ein paar Minuten Laufzeit gefüllt. Besonders beliebt sind sie in den ersten 10 Minuten eines Staffelfinales, das wirkt irgendwie deep und erhöht angeblich die Spannung… Nein, tut es natürlich nicht. Für uns Zuschauer sind Rückblenden eine Qual. Denn wir wollen ja nicht in der Vergangenheit schwelgen, sondern wissen, wie es jetzt weitergeht.

Sofern eine Rückblende nicht wesentliche Zusatzinformationen enthält, die Unklarheiten in der Story beseitigen, ist sie überflüssig. Das tut sie aber leider in den seltensten Fällen. Die meisten Rückblenden walzen bloß etwas aus, was man ahnt oder im Grunde schon weiß.

So z.B. bei You – Du wirst mich lieben. Nachdem über zig Folgen lang angedeutet worden ist, dass eine Ex-Freundin des Protagonisten und Stalkers Joe verschwunden ist, und selbst der dümmste Zuschauer die Verbindung Stalker – Exfreundin – spurlos verschwunden – vermutlich hat er was damit zu tun gezogen haben dürfte, lassen es die Autoren sich nicht nehmen, diesem Storyaspekt nochmal eine ausführliche Rückblende zu schenken, und erzählen minutiös, was sich damals zugetragen hat. Und als Zuschauer sitzt man entnervt vor dem Bildschirm und will die ganze Zeit schreien „ICH WEISS ES DOCH, ER HAT WAS DAMIT ZU TUN, ICH HAB’S DOCH BEGRIFFEN“.

Wer also wissen will, wie ergiebig eine Geschichte wirklich ist, der zähle einfach die Rückblenden in einer Staffel. Je mehr Rückblenden, desto weniger gab es zu erzählen.

„Keine Ahnung, warum das gerade passiert.“ – die nutzlose Nebenhandlung

Ihr kennt das: ihr guckt eine Serie wie z.B. Deadwind, begleitet Sofia Karppi bei ihrer Jagd nach einem Serienmörder, genießt den Anblick der finnischen Landschaft, und auf einmal muss die sich um ihre Tochter kümmern. Denn die Tochter hat mit einem Klassenkameraden gevögelt, wurde dabei gefilmt, das Video ging rum, und jeder denkt sich so „WTF? Was hat der Scheiß mit dem Serienmörder zu tun?“

Gar nix. Wir haben es hier mit einer der berühmten nutzlosen Nebenhandlungen zu tun, die meistens ab der zweiten Hälfte einer Staffel auftauchen. Und zwar dann, wenn die Drehbuchautoren gemerkt haben, dass die Geschichte im Grunde auserzählt ist, aber noch 4 Folgen irgendwie vollgemacht werden müssen. Dann passiert auf einmal eine Menge unwichtiger Krempel, der mit der Haupthandlung nichts zu tun hat – und den man im Grunde komplett weglassen kann. Weil ihn keiner braucht.

Weitere Beispiele dafür sind der gesamte „Karen“-Plot aus dem bereits erwähnten You. Der Stalker führt eine normale Beziehung mit Karen, kann aber das Objekt seiner Stalking-Begierde natürlich nicht vergessen, dann trennt er sich und Auswirkungen hat es auch keine wirklichen. Das ganzen hätte man in 2 Minuten durchhaben können, aber die Autoren widmen dem Quatsch ganze zwei Folgen. Oder wer es ganz schlimm will: die berüchtigte „Fliegen“-Folge in der 3. Staffel von Breaking Bad. Die hat mich dann auch bewogen die Serie abzubrechen.

„Lass uns nicht aufhören zu zanken!“ – Sinnloskonflikte

Wo wir gerade bei Breaking Bad sind: ihr habt doch Skyler genauso gehasst wie ich, oder? Natürlich. Alle haben Skyler gehasst. Denn sie war Teil eines Sinnloskonflikts, der sich über mehrere Staffeln der Serie zog.

Okay, im Kern war dieser Konflikt nachvollziehbar: Walter White will nicht, dass seine Frau erfährt, dass er Meth kocht, weil sie das moralisch falsch fände und sich trennen würde.

Dass er Meth kocht um seine Krankheit zu bekämpfen und nicht zu sterben – geschenkt. Und dann trennt sie sich doch von ihm, weil sie seine Geheimniskrämerei satt hat, obwohl sie sich so sehr lieben, und er sagt’s ihr immer noch nicht usw., und eigentlich will man diesen ganzen hanebüchenen Unsinn einfach nur in den Schnellvorlauf des Vergessens spulen.

Sinnloskonflikte sind die Geschwüre einer Serienhandlung. Sie tun anfangs nicht weh, aber sie wuchern, und irgendwann will man sie einfach nur noch entfernen. Denn ab einem gewissen Zeitpunkt sind sie nicht mehr glaubwürdig. Spätestens dann sind sie nicht mehr spannend, sondern nerven nur noch.

Wenn Serien sich um Kopf und Kragen quatschen

„Kommunikation ist das A und O“. Ein Satz, den viele Serienautoren offenbar beherzigen. Und oft zu sehr.

Sicher: man kann durch Dialoge Lücken in der Handlung füllen und die Motivation von Figuren ausführlich erklären, und darüber hinaus sind solche Szenen relativ einfach und günstig zu drehen. Vermutlich sind die deswegen auch so beliebt, denn wie sonst ist zu erklären, dass die Leute sich in Serien den Mund so fusselig quatschen, dass Matrix 3 dagegen wirkt wie ein Stummfilm?

Ein schönes Beispiel ist The Fall, deren 3. Staffel aus endlosem Gequatsche besteht, das kaschieren sollen, dass halt sonst nichts wirklich passiert. Wie auch? Der Serienkiller ist schließlich im Krankenhaus. Also werden Vernehmungen geführt. Minutenlang. Ganze Folgen lang. Bis man entnervt abschaltet.

Oder die beiden Horrorserien Chambers und Spuk in Hill House. Beide Serien haben ein Staffelfinale, das derart konsequent kaputtgelabert wird, dass man allen Beteiligten nur noch einen schnellen Serientod wünscht, damit sie endlich, endlich das Maul halten.

Denn besonders in einem Staffelfinale sind lange Dialoge tödlich: sie nehmen der Erzählung an Tempo, und eigentlich sollte es ja gerade hier so richtig abgehen.

Stattdessen sitzt man am Ende des Abspanns des Staffelfinales vor der Glotze und fragt sich, was das alles soll. Es ist Sonntagabend oder spätnachts unter der Woche. Man ist extra lange wach geblieben, und nun hat man dieses einzigartige Gefühl, das sich all zu oft am Ende einer Serie einstellt: Leere. Enttäuschung. DAFÜR habe ich nun 8 Stunden geglotzt?

Ja, dafür. Und dafür, dass die Sender nun eine nächste Staffel bestellen, weil diese ja so gut gelaufen ist. Und der Reigen aus Rückblenden, nutzlosen Nebenhandlungen, Sinnloskonflikten und Totlabern aufs Neue beginnt.

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2 Gedanken zu „Warum die meisten Serien (leider) scheiße sind

  1. Manche Serien haben auch ganz brauchbare Nebenhandlungen oder deren Handlungen treffen irgendwann auf die Hauptgeschichte.
    Dialog um des Dialoges willen… damit stirbt jede Serie. Da gebe ich dir recht.

    Mich hast jetzt nicht gespoilert. Ich hatte Hill House mittendrin abgebrochen, den Rest gar nicht geschaut 🙂

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  2. Gut geschrieben.
    Ich liebe Serien, schaue sie aber im Grunde wie ’nen Film.
    Wenn ’ne Staffel einer Serie komplett erscheint, auf Netflix oder Amazon, wird sie an einem Abend oder Wochenende durchgebinged; wie die Jugend zu sagen pflegt.

    Wenn ’ne Serie dort im wöchentlichen Tornus erscheint, verliere ich oft das Interesse daran, egal wie gut sie ist.
    So bei Better Call Saul geschehen.

    Interessant finde ich, dass dich die Folge, die von vielen als die beste Folge Breaking Bad bezeichnet wird, zum Abbruch der Serie bewegte.
    Breaking Bad war echt gut, Skyler hätte ruhig sterben können, ging die aufn Sack, und das Ende war ernüchternd.

    The Walking Dead ist ’n Beispiel, das mich verloren hat, weil ewig alles totgequatscht wurde, mir viele Aktionen der Charaktere zu dumm waren und es ständig der selbe Blödsinn war. Bei Staffel 5 war ich raus.

    Was Rückblenden angeht, hat man bei Netflix ja den Komfort, dass man diese überspringen kann.

    Was mich richtig abfucked, wenn Serien nach einer Staffel abgesetzt werden, weil sie angeblich kein Erfolg war.
    Wie bspw. Everything Sucks auf Netflix, dessen 1. Staffel mit ’nem Cliffhanger endet und dann wurde es abgesetzt.
    Kackmüll wie Santa Clarita Diet bekommt Staffel nach Staffel.

    Oder einst gute Serien, die durch Änderung des Fokus immer schlechter werden.
    The Big Bang Theory bspw. Staffel 1-3 super, weil Nerd-Krams und so. Ab Staffel 4 wurde es dann zu ’nem Rom-Com-Cringefest. Schade.

    Liebe Serien trotzdem. Sehr. Immer noch.

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