„Du bist so ein netter Typ. Wieso machst du SOLCHE Musik?“

Es gibt zwei Fragen, die mir Menschen stellen, wenn sie mich kennenlernen.

Die eine lautet: „Wie kann ein Typ, der so nett und normal ist, so kranke Musik machen?“

Und die andere: „Wie kann jemand, der so kranke Musik macht, privat so nett und normal sein?“

Da ich diese Fragen häufig – also wirklich VERDAMMT häufig, eigentlich fast immer – höre, möchte ich diesen Blog nutzen, um sie für die Allgemeinheit zu beantworten.

Zunächst: beide Fragen sind im Grunde identisch. Sie unterscheiden sich nur durch die Perspektive des Fragestellers. Wer mir erstere Frage stellt, hat mich irgendwo auf einer Party oder bei der Arbeit kennengelernt, also als Privatperson. Wer mir zweitere Frage stellt, der kannte zuerst meine Musik, und hat mich dann privat kennengelernt.

Ich persönlich fand und finde diese Frage immer schon ein wenig seltsam. Wieso wird davon ausgegangen, dass ein Typ, der mit wutverzerrter Fresse kranke Scheiße ins Mikrofon brüllt, dieses Verhalten auch bei einer Autofahrt oder wenn er Einkaufen geht an den Tag legen müsse?

„Irgendwoher müssen diese Gedanken ja kommen“

Andererseits kennt man aber halt auch die Biographie von Künstlern wie dem Marquis de Sade. Der schrieb nicht nur zahlreiche Geschichten voller Folter und Gewaltpornographie, sondern war seinerzeit selber angeklagt, Prostituierte gequält und unter Drogen gesetzt und missbraucht zu haben.

Und natürlich ist die Frage nachvollziehbar: Irgendwoher müssen die Gedanken, die solchen gewalttätigen und geisteskranken Texten zu Grunde liegen, ja kommen. 

In meinem Falle kommen diese Gedanken meistens aber tatsächlich bei den alltäglichsten Situationen. Wenn ich z.B. mit Vero durch Stadtmitte fahre, und ein Trupp Radfahrer vor uns über die Straße eiert, dass man einfach nicht vorbeikommt. Oder wenn ich vom Einkaufen komme, vollbepackt mit Einkaufstüten, und mir die Tüte reißt, und dann noch ein Passant einen dummen Spruch bringt.

Gewaltphantasien toben durch mein Gehirn

Es ist jedoch nicht so, dass ich in der Situation selber dann gedankliche Gewaltexzesse durchlebe. In der Situation selbst – also im Auto oder mit dem Einkauf, der aus der zerfetzten Tüte über die Straße rollt – spüre ich nur dieses diffuse Gefühl von Wut. Das vergeht in der Regel auch so schnell, wie es gekommen ist.

Aber später, wenn ich Zeit und Muße habe – dann fange ich an, solche Situationen gedanklich noch einmal durchzuspielen. Dann versetze ich mich zurück in den Moment. Exerziere die Emotion bewusst durch. Dann zapfe ich den archaischen Teil meines Gehirns an, den inneren Schweinehund, und dann toben Gewaltphantasien durch mein Gehirn. Und dann entstehen z. B. Tracks wie Gewaltphantasien 3, in dem ich beide oben beschriebenen Situationen künstlerisch verarbeite habe.

Therapie für den inneren Schweinehund

Ich denke auch, dass jeder solche Szenen und Wutausbrüche kennt. Jedem passiert Scheiße im Alltag, jeder erlebt unangenehme Situationen. Meine Art des Umgangs ist halt eine durch und durch konstruktive.

Vielleicht ist meine intensive Auseinandersetzung mit negativen Gefühlen und Aggressionen der Grund, warum ich im Alltag so wenig davon habe. Vielleicht ist das leere Blatt Papier wie der Therapeut, der mich fragt „Und was haben Sie dabei empfunden?“, und meine gereimten Zeilen das Resultat einer Therapiesitzung.

Mit anderen Worten: vielleicht bin ich genau deswegen so ein netter Typ, weil ich solche Musik mache.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s