Strichmännchen im Meeting

Montag, 7:43 Uhr. Meeting mit den Kollegen. Ich sitze im Konferenzraum, der von hellem, kaltem Licht geflutet wird. Mein Kaffee ist bereits kalt, er schmeckt bitter. Die Kollegen sind noch nicht da, also will ich meinem Gehirn einen kleinen gedanklichen Ausflug gönnen.

Mein Gehirn ist aber ein fauler Klumpen Speck, der in seinem Saft schmort und nirgendwohin will. Ich kritzel mir die Tagesordnungspunkte auf den Zettel, aber vergesse jeden einzelnen sofort wieder.

Was ist los mit dir, Gehirn? Du hast dein Koffein und dein Nikotin bekommen, du hattest ausreichend Zeit in der U-Bahn hochzufahren. Und trotzdem flegelst du dich in meiner Schädelschale herum wie ein nasses Handtuch.

Es gibt manchmal solche Tage. Da weiß man schon beim Aufstehen, dass im Oberstübchen heute einfach nicht viel los sein wird. Es liegt gar nicht mal daran, dass es Montag ist – im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen mag ich Montage, und ich mag auch meinen Job und komme gerne hier hin.

7:44 Uhr und noch keiner der Kollegen da.

Aber heute ist der Wurm drin. Die nackten Zahlen auf meinem Zettel starren mich vernünftig und rational an. Ich beginne, Strichmännchen zu zeichnen, und die Nullen mit kleinen Smileys zu verzieren. Mir fällt die Rede des russischen Schriftstellers Joseph Brodsky ein, die dieser anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises 1987 gehalten hat, und wo er den Sinn und Zweck von Kunst elaboriert:

„Zwischen die runden Nullen, mit denen die Herolde des Gemeinwohls und die Lenker der Massen am liebsten rechnen, setzt die Kunst ihr ‚Punkt, Punkt, Komma, Strich‘ und verwandelt so jede Null in ein kleines, wenn auch nicht immer hübsches, menschliches Gesicht.“

Ich mag das Zitat sehr. Es unterstreicht auf der einen Seite, wie rebellisch Kunst ihrem Wesen nach ist, auf der anderen Seite aber auch wie nutzlos im ökonomischen Sinne.

Ja: Kunst ist ein nutzloser, kleiner Zeitvertreib, so wie das Strichmännchen, das ich gerade zeichne, das von einem anderen überfallen wird. In vielen Fällen ist Kunst auch ein aktives Totschlagen von Zeit. Jeder, der mal ein Wochenende lang zehn Stunden eine Staffel Game of Thrones durchgebingewatched hat, wird mir hier zustimmen. Kunst macht uns die U-Bahnfahrten erträglich, ob nun in akustisch durch die Kopfhörer in den Ohren, oder schriftlich in Form des Romans, den man liest.

Oder, wie es John Keating in „Club der toten Dichter“, gespielt von Robin Williams, sinngemäß sagte: „Natürlich kann man reich werden, und ein sorgenfreies Leben führen, aber Kunst und Poesie sind die Dinge, die das Leben überhaupt erst lebenswert machen.“

7:46 Uhr, und der Ernst des Lebens beginnt.

„Was grinst du so vor dich hin“, fragt die Kollegin, die gerade reinkommt. Es ist 7:46 Uhr.

„Ach, nichts Besonderes“, sage ich. Das Meeting beginnt. Mein Gehirn ist tatsächlich ein wenig hochgefahren, ich kann mich konzentrieren, Zuhören und meinen Teil beitragen. Ich höre den Kollegen zu, und lasse das still und friedlich Strichmännchen sterben.

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