Die Entstehung von WWDMMD

Nachdem Nils Davis es in seinem Post zu dem Donald-Track schon angeteasert hat, möchte ich an dieser Stelle ein wenig auf die Hintergründe des Songs eingehen. Ich will erklären, wie ich auf die Idee kam, wie schwierig die Lyrics zu schreiben waren, wie der Track in der ersten Fassung gestaltet wurde, warum diese nie erschienen ist, und warum es letztlich so lange gedauert hat, diesen Track zu schreiben und zu produzieren. Alle, die das nicht interessiert können den Text überspringen und sich dafür gleich nochmal das schöne Musikvideo ansehen, dass mein Kumpel Tommy liebevoll beschissen gezeichnet und animiert hat.


Cäsar, Mac Dre und eine Mutter mit 2 Kindern – die Inspiration

Alle die das interessiert nehme ich nun mit ins Jahr 2017 und in mein Gehirn, als ich in einem Bus saß um meine damalige Freundin vom Flughafen abzuholen. Der Bus war recht leer, eine Mutter saß hinter mit mit ihren beiden brabbelnden Kindern. Ich sah aus dem Fenster und durch meinen Kopf spukte ein Ohrwurm von dem Track „Get your Grits“ des Bay-Area-Rappers Mac Dre: Now I get grits and sums that are lum, heart like Roy Jones, mind like Donald Trump. Das Ding hatte sich festgeschraubt. Immer wieder Mind like Donald Trump. Mind like Donald Trump.
Der Track war von 1998 und Mac Dre im Jahr 2004 erschossen worden. Er konnte also nicht wissen, dass 2017 Donald Trump seit einigen Monaten Präsident der USA war, und in seiner gewohnt unberechenbar-wahnsinnigen Art abgedrehtes Zeug twitterte, dass bei chinesischen Diplomaten für Unmut sorgte. In einem Tweet beschwerte er sich, dass er mit der chinesischen Delegation nicht über bestimmte Themen reden dürfe, woraufhin ein Twitter-User eine vielbeachtete Reply schrieb mit dem sinngemäßen Inhalt „Ja, internationale Diplomatie ist eklig. Und jetzt lösch dich endlich bevor du uns alle mit deinem verdammten Twitteraccount tötest“. Trump war summa summarum genau die Katastrophe im Amt, die befürchtet wurde.
Der Bus fuhr gerade eine Haltestelle zwischen Rudow und Schönefeld an. Die Mutter musste aussteigen, sie sagte „Komm“ zu ihrem einen Kind, und zu dem anderen „Auch du“. „Auch du, mein Sohn Brutus“ hatte Cäsar immer zu Brutus in den Asterix-Comics gesagt. Mind like Donald Trump. Cäsar wurde von Brutus ermordet, dabei war er immer ein Sympath, zumindest in den Asterix-Comics. Warum werden Sympathen ermordet? Ich meine, wie wär’s stattdessen mit… Wie wär’s denn mal mit Donald?
Eine Zeile, so glasklar und eingängig wie ein Jingle. Das merkte ich schnell, denn sie löste den Mac-Dre-Ohrwurm ab. Wie wär’s denn mal mit Donald? Wie wär’s mit einem Song, in dem ich ermordete Politiker aufzähle, und in der Hook dann ganz lapidar frage „Wie wär’s denn mal mit Donald?“
Und dann fuhr der Bus am Flughafen ein.

Der einfache, grauenhaft schwierige Text – die erste Fassung des Tracks

Die Hook trug ich ein wenig mit mir herum. Sie ging ins Ohr, die Worte und die Melodie. Ich dokterte eigentlich gerade am Hurensohnzüchter-Tape herum, einer bis heute nicht erschienenen, vollkommen grotesken Sammlung der irrsinnigsten Tracks, wo ich auf Grime basierende, minimalistische und tiefbassfrequente Beats mit völlig abgedrehten Texten berappte. Ich fing also an, einen Beat zu bauen, der in erster Linie aus Hook bestand, die wiederrum auf dieser einprägsamen, leicht kaputten Tonfolge basierte. Ein heller orgelartiger Sound ahmte die Stimme nach, während darunter grunzige Bässe knirschten und mittendrin klatschende Snares schepperten. Es war die Art Beat, die ich selber als „öh, naja, ziemlich Untergrund halt“ bezeichne, und die Nils Davis „absolut unhörbar“ nennt, und, seien wir ehrlich, recht haben wir in der Hinsicht beide ja irgendwie. Aber die Musik war auch gar nicht das Problem – das Problem war der Text.
Ich wusste schon, wie ich den Song gestalten wollte, nämlich völlig einfach, ultrasimpel: ich wollte bloß die Vornamen von Politikern nennen, die gewaltsam zu Tode gekommen sind – und nur die Vornamen, weil ich dank unserer einschlägig bekannten Erfahrung bei diesem Thema weiß, wie schnell aus einem blöden Spruch etwas justiziables wird. Ich habe mich zu diesem Thema auch tatsächlich kurz mit einem Anwalt besprochen, der meinte, dass das im Grunde auch mit Nachnamen kein Problem sei, solange halt der Donald aus der Hook nicht als Mensch erkennbar ist. Die Entenquak-Adlibs gehen darauf zurück.
Nun gut. Das Schreiben der Strophen stellte sich jedenfalls als weitaus schwieriger heraus als ursprünglich gedacht. Die Liste ermordeter Politiker ist zwar extrem lang, aber ihre Vornamen stellten sich schnell als schwer reimbar heraus. Ich meine: Siegfried, Jürgen, Abraham, Julius, okay, aber die Namen mussten ja aufeinander gereimt werden, wenn es wirklich nur eine Aufzählung werden sollte. Und zudem wollte ich auf irgendwelche vor 5000 Jahren ermordete mesopotamischen Könige oder zentralasiatischen Hordenfürsten, die nur noch Altertumshistorikern ein Begriff sind, aus naheliegenden Gründen verzichten. An den beiden mit jeweils 8 Bars recht kurz geratenen Strophen saß ich bestimmt ein ganzes Wochenende. Als ich nach Release des Songs auf Facebook übrigens einen Kommentar las, wo einer meinte „des is doch alles freestyle, dafür hast du keine synapse arbeiten lassen“ bekam ich ein leichtes Hirnaneurysma.

Die Odyssee nach dem richtigen Beat – die zweite Fassung des Tracks

Ich recordete den Song recht schnell in einer Session. Ich war mit der Hook noch nicht ganz zufrieden, und Nils, der mich aufgenommen hatte, meinte auch: „Sorry, irgendwas stört mich an dem Song“. Das war 2018. Weil ich von dem gesamten Hurensohnzüchter-Tape in der vorliegenden Form immer weniger überzeugt war, wurde das gesamte Projekt, inkl. des Donald-Songs, erst einmal eingemottet und sammelte Staub auf irgendeiner nicht genutzten Festplattenpartition, und ich widmete mich voll und ganz der „Schatten“-EP, die mir musikalisch weitaus reifer und besser erschien.
So zog einige Zeit ins Land. Trump twitterte weiter seinen Schwachsinn, ich arbeitete an Gedichtbänden und Novellen, es wurde 2019, es wurde 2020. Anfang 2020 las ich irgendwo etwas über die Wahlen im November. Und mir fiel der Trump-Song ein, der immer noch in dem Projektordner vor sich hinmoderte. Ich sagte Nils, dass ich den Song gerne als Single veröffentlichen würde. Nils hörte sich das Demo an, und sagte „Ja, gerne — aber wir brauchen dafür einen neuen Beat.“
Ich: „Och naja, der Beat ist halt ein bisschen Untergrund…“
Nils: „Der ist UN-HÖR-BAR!“
Also begann nun das, was Ice Cube 1990 in seinem Track „Jackin‘ for Beats“ beschrieben hat. Wir sprachen mit Juicy Gay, mit Fay Guevara und fragten nach Beats. Alle lieferten Skizzen ab, die auch alle sehr gut waren — aber den Song irgendwie nicht wiedergeben wollten. Das zog sich mehrere Wochen. Der November rückte näher, die Chance, dass Trump abgewählt werden würde war hoch, der Song musste unbedingt davor erscheinen. Irgendwann sammelte ich auf Youtube einen riesigen Stapel an Beats zusammen, die ich mit Nils durchging. Wir entschieden uns schließlich für einen; den schickte ich an Cue41, mit der Bitte, auf dessen Grundlage einen Beat für den Donald-Song zu bauen.
Das tat er, und es zog sich einige Zeit hin, inzwischen war es September. Außerdem war der Beat nun statt ursprünglich schleppend-langsamen 60 BPM nun hektische 103 BPM schnell, was wiederrum bedeutete, dass ich den Text umschreiben musste. Das war noch einmal schweißtreibend, weil ich den gesamten Anfang der 2. Strophe umstellen musste, aber nun gut. Da ich die Reimworte hatte, war das lösbar.
Nach ein paar Demoaufnahmen und einer knackigen, kurzen Session im Studio war der Track im Kasten.

Mein erstes Zeichentrick-Musikvideo – Das Video

Während der Track gemischt wurde, überlegten wir, wie wir das Video gestalten wollten. Es war mittlerweile Oktober. Ich hatte vor einigen Jahren Tommy kennengelernt, dessen Youtube-Kanal ein Sammelsurium des kranken Humors darstellte. Dort würde der Song gut passen. Zuerst hatte ich die Idee, ein normales Performance-Video zu machen, das ich auf seinem Kanal veröffentlichen wollte, aber Nils meinte „Ey – es wäre doch viel nicer, wenn das Ding als Cartoon stattfinden würde“.
Ich schlug Tommy das also vor, und zu meiner außerordentlichen Verwunderung sagte er sofort zu, und fand die Idee auch sehr gut. Das Problem war nur: er hatte keine Erfahrung mit Musikvideos, und meinte, er könne nicht für die Qualität des Schnitts o.ä. garantieren.
Das wollten wir dadurch lösen, als dass er die Animationen in knappen Arbeitsschritten anfertigt und mir immer kurze Sequenzen schickt, die ich dann sofort überprüfen könnte. Zur Erleichterung aller Beteiligten stellte sich Tommy als Naturtalent heraus, und so brauchte es nicht viel Erklärungen, worauf man bei der Schnittdynamik eines Musikvideos achten muss.
Und schließlich war, ohne weitere Umschweife, das Video fertig. Am Abend vor dem Spotify-Release um 0 Uhr. Ein drei Jahre langer Lauf ist zum Ende gekommen.
Und die Arbeit hat sich gelohnt. Sowohl das Video als auch der Song kommen super an. Und jetzt ist dann wohl auch ein guter Zeitpunkt, den Track nochmal zu hören und das Video zu schauen.
Viel Spaß!

Ein Gedanke zu „Die Entstehung von WWDMMD

  1. Hi,

    ja ich denke mit dem Donald Track hast du super Arbeit geleistet.
    Er is ein richtiger Ohrwurm und das Video einfach nur super lustig.
    Ich denke mit dem Song hast du gute Chancen auch bei den nicht Hirntot-Fans zu punkten, ich mach nebenbei fleisig Werbung für den Song bei Freunden oder in Foren und so.

    Auch sehr interessant zu lesen wie der Song entstanden ist.
    Richtig heftig, dass ein relativ kurzer Song so ein Marathon an arbeit hinter sich hat.
    Aber das Ergebniss ist gut geworden.
    (irgendwie erinnert er mich ein bisschen an die „Der Spermanist“ Zeit, aber das nur nebenbei).

    Einzig die Infos zum Hurensohnzüchter Tape haben mein Herz bluten lassen, weil ich den dreckigen, ekligen Schwartz Sound einfach nur liebe.
    Ich liebe diesen dreckigen Untergrundsound ( Teeneslasher, HHZ, Krieche aus der Tiefe, HHC1, HHC2, Bis du Schwartz siehst, Flüsse aus Blut 1 & 2, 2050, Folterkeller der Zombienutten, Voll auf Modus, Nekromantik) ich glaub du weist was ich meine, einfach diesen Untergrund Sound eben.
    Übrigens verstehe ich es vollkommen, wenn du als Künstler andere Dinge ausprobieren willst, dich weiterentwickeln willst und „hörbarer“ sein willst.
    Volles Verständnis.
    Aber wenn schon so ein Untergrund Projekt so gut wie fertig exestiert, wie wärs dann einfach mit ner limitierten Veröffentlichung für die Oldschool Fans oder so, ich würds feiern.

    Ansonsten weiter so, ich glaub ich geb mit jetzt nochmal den Donald (Ohrwurm) Song.

    Beste Grüße

    Sascha

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