Gewaltfanta – Erfrischung für die Seele (1/3)

Ein Schluck Gewaltfanta gefällig?

Wie Pandemie, Lockdown und Querdenkerdemos zu Frust, Wut und Gewaltfantasien führen. Und wie deren künstlerische Umsetzung uns vielleicht retten kann.


Am 27. März 2021 wachte ich morgens auf, und stellte fest, dass mein Twitter-Account gesperrt worden war. Wegen eines Tweets, in dem ich Querdenker beleidigt habe und dabei vielleicht ein wenig eskaliert bin, was die Todeswünsche angeht. Daraus entspann sich bei mir ein langer Gedankengang, den ich freestyle ins Textdokument hackte. Es geht um Querdenker, um Gewaltdarstellung in der Kunst, und um Veränderungen in der Gesellschaft, die ich seit der Corona-Pandemie beobachte – und bei denen fiktionale Gewalt eine Schlüsselrolle bei der Kompensation von Frust einnehmen kann. Da das Ganze sehr umfangreich geworden ist, habe ich drei Teile draus gemacht. Dies ist der erste.

Teil 1: Die Kunstfigur-Lüge

Als Schwartz eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich auf Twitter für eine Woche gesperrt wieder. Oder auch: Jemand musste Schwartz verleumdet haben, denn ohne, dass er etwas Böses getwittert hatte, wurde er usw., egal, beides stabile erste Sätze für diesen kafkaesken Morgen. Stattlich und feist prangte die Meldung von meiner Sperrung auf meiner aktuellen Lieblings-Social-Media-Plattform auf dem Display:

Sperrbild
Die Begründung für meine Sperre. Beim inkriminierten Tweet hab ich sicherheitshalber den problematischen Teil weggelassen. Man weiß ja nie.

Sieben Tage also, in denen ich meine Gedankenkotze nicht eruptiv und unmittelbar meinen 12.000 Followern vor die Füße speien könnte. Was bislang immer ein Garant dafür war, dass ich meinen Alltag relativ ausgeglichen absolvieren konnte. Ja, ich liebe Twitter und die Möglichkeiten, die diese doch eher ungewöhnliche Social-Media-Plattform bereithält; diesen Cocktail aus Milliarden Gedankensplittern, der da zusammengerührt wird zu einer Art kollektivem Bewusstseinsstrom, der fließt und fließt, nur um seiner Selbst willen. Ein faszinierendes literarisches Gesamtwerk von einem zigtausendköpfigen Autorenkollektiv, wenn man so will. Nicht umsonst habe ich zwei Horrorgeschichten geschrieben, die auf dieser Plattform spielen.

Aber nun war ich also erst einmal gesperrt, und die Begründung war ein wenig seltsam. Okay, lassen wir mal die Sperr-Logik von Twitter beiseite und hinterfragen nicht, inwiefern der Tweet MisSbRäUcHLiCh uNd bELäStiGeNd gewesen sein soll. Das würde mich nur wütend machen. Stattdessen setzte ich Kaffee auf und machte Musik an, und hörte der US-Horrorcore-Rapgruppe Simken Heights dabei zu, wie sie Priester erdrosseln und Lehrer kreuzigen. Ein absolut passender Soundtrack für meine Laune, diesen Vormittag und meine auf die Sperrung folgende Reflexion.

Die Sperre war eventuell nicht ganz unbegründet

Denn zugegeben: In den letzten Wochen lasen sich meine Tweets aggressiver als sonst. Die aktuelle, unübersichtliche Pandemie-Situation, die dreisten Demos von Querdenkern und Corona-Leugnern, die stümperhafte Politik der Bundesregierung in dieser Krise, all das hatte natürlich Auswirkungen auf meinen Twittergrind. In vielen meiner (inzwischen vorsorglich gelöschten) Tweets tauchten Schrotflinten, rausgeblasene Gehirne und andere Gewaltphantasien auf, und zumeist waren die Opfer jene, die auf Querdenkerdemos ungehindert tanzend fröhlich die Pandemie leugneten – und damit nachweislich das Virus verbreiteten.

Das ist jedoch im Grunde nur konsequent. Denn, hey: Schwartz ist doch eh eine Kunstfigur, in seinen Tracks übernimmt er die Rolle von Serienmördern und Psychopathen und schlachtet sich durch die halbe Bevölkerung. Ist es da nicht folgerichtig, dass er in seinen Tweets ebenso agiert, um im Konzept seiner Figur zu bleiben? Ich bin generell dafür, auf Social Media getätigte Äußerungen zunächst einmal dem uneigentlichen Sprechen zuzuordnen; also zu behandeln, wie Dialogsätze aus Filmen oder eben Rap-Texte. Hauptmerkmal solcher Äußerungen ist, dass sie, im Gegensatz zum eigentlichen Sprechen, nicht wörtlich zu verstehen sind. Das ist auch ein valides Argument, wie ich finde, und gilt eigentlich für künstlerische Äußerungen allgemein.

Das sehen aber nicht alle so. Durch die vielen Indizierungen und Prozesse wegen Gewaltdarstellung, die wegen meiner Musik gegen mich geführt worden sind, habe ich mich eingehend (und zwangsläufig) mit der Thematik Kunstfigur und „Gewaltdarstellung in der Kunst“ im Allgemeinen befasst. Meine Argumentation lässt sich wohl am besten anhand eines aktuellen Fallbeispiels abbilden, nämlich meiner Erwiderung auf die Indizierungsankündigung meines Soloalbums „HHZ“ durch die BPjM:

Der Titel [des Albums] (…) versteht sich als Hommage an den Film [Cannibal Holocaust](…). Vordergründig ein Slasherfilm, befasst sich ‚Cannibal Holocaust‘ auf der Metaebene mit der Brüchigkeit unserer zivilisatorischen Errungenschaften angesichts von Ausnahmesituationen und Rückfall in primitive, ‚böse‘ Verhaltensmuster. Dies zieht sich als Leitmotiv sowohl musikalisch als auch textlich durch das gesamte Album.

2.2. Texte
Die Texte sollen hier nicht im einzelnen erklärt werden, sondern es soll (…) die Perspektive der Kunstfigur Schwartz im Kontext dieses Albums erläutert werden.
(…) Die Gewalt folgt hier keinem kathartischen Zweck, sondern wird allein um ihrer selbst willen zelebriert; ‚weil man es halt kann‘, sozusagen, wie in den an ‚Die 120 Tage von Sodom‘ (…) angelehnten Tracks 4 ‚Alle Qualen der Hölle‘ oder 7 ‚Folterbordell‘ angedeutet wird. Auf diese ‚böse‘ Perspektive wird durchgehend durch Textzeilen wie ‚Schwartz ist das Negativ von Ethik, Moral und dem Guten‘ (…) oder auch durch den ‚Pakt mit Teufel‘ (…) hingewiesen.

Lassen wir also eine Kunstfigur den Dreck für uns erledigen!

Der Character „Schwartz“ war immer schon eine Kunstfigur. Den Künstlernamen habe ich gewählt, weil „Schwartz“ mit tz schwärzer erscheint als Schwarz. Finsterer als finster, sozusagen. Quasi der schattigste aller Schatten, wenn man Carl-Gustav Jungs Konzept des Schattens als die Summe aller verdrängten, dunklen Persönlichkeitsanteile des Unbewussten versteht. Schwartz steht sozusagen stellvertretend für die Bestie in jedem von uns. Anzumerken ist noch, dass ich mir die Kunstfigur um 2004 herum erdachte; als die Bilder aus den Foltergefängnissen Abu-Ghuraib und Guantanamo Bay um die Welt gingen – ich komme in Teil 3 darauf zurück. Jedenfalls: Wutausbrüche, Vernichtungsphantasien und Gewaltexzesse waren in Schwartz‘ Lyrics immer essentiell.

Nun ist das Konzept einer antagonistischen Kunstfigur, also eines Characters, den man Dinge tun lässt, die im wirklichen Leben nicht so ohne weiteres sag- oder machbar sind, nicht unumstritten. Davon zeugen nicht nur besagte Prozesse und Gerichtsurteile gegen meine Musik. Abgesehen von der grundsätzlichen Unterstellung von Jugendschützern und Staatsanwälten, jugendliche Hörer könnten ja z. B. nicht differenzieren, ob es sich um die Äußerung einer Kunstfigur oder einer reellen Person handelt, wurden in den letzten Jahren in der Kunst- und Kulturszene Stimmen laut, beispielsweise die der Verlegerin und Autorin Christiane Frohmann, die fragten: braucht es überhaupt noch „böse“ Kunstfiguren in der Kunst, wenn man doch über die sozialen Medien genügend „böse“ Realität mitbekommt?

Eine Frage, die ich um einiges interessanter finde, als den Ansatz von Jugendschützern und Staatsanwälten. Und die mich in den letzten Monaten und Jahren sehr beschäftigt hat.

Ist die Realität nicht schlimm genug?

Die Frage hängt meiner Meinung nach direkt mit dem Aufkommen der sozialen Medien zusammen. Im Laufe der letzten 10 Jahre haben sich Facebook, Twitter, Instagram, TikTok usw. als fester Teil unseres Alltags und Lebens etabliert, und einen massiven Impact auf die Diskursführung und unser gesellschaftliches Miteinander gehabt. Und bei allen positiven Möglichkeiten, die sie bieten – die Vernetzung mit Gleichgesinnten, das Tempo der Informationsverbreitung, die Tatsache, dass auch ansonsten kaum wahrnehmbare Stimmen an Diskursen teilnehmen können -, haben die sozialen Medien auch genügend Schattenseiten freigelegt.

Besonders während der Flüchtlingskrise 2015 wurde das deutlich. Plattformen wie Facebook und YouTube waren es, die jeder noch so absurden Verschwörungstheorie Raum gaben, und die besorgten Bürgern ermöglichten, nahezu ungehindert ihren tiefsitzenden oder oberflächlichen Rassismus freien Lauf zu lassen. Alternative Medien machten sich die Logik der Social-Media-Algorithmen – „je mehr Klicks, desto relevanter“ – zu Nutze, und generierten Content aus hochemotionalisierten Schlagworten. Manipulativ arrangierte oder völlig frei erfundene Meldungen über „plündernde Flüchtlingshorden“ gingen viral, und darunter kotzten Nutzer mit Deutschlandfahnenprofilbild ihren Hass gegen Geflüchtete, Merkel und „Lügenpresse!!1“ aus.

Menschgewordene Facebookkommentare. Fuck them all.

Und ebenso gelangen über die sozialen Medien problemlos Abbildungen realer Gewalttaten auf die Handys und in unsere Köpfe. Ich erinner mich noch, als ich im Sommer 2019 im Büro saß, nichtsahnend durch Twitter scrollte – und mir plötzlich ein von einem Augenzeugen gefilmtes Handyvideo vom „Schwert-Mord in Stuttgart-Fasanenhof“ in den Feed gespült wurde, das den Mord zeigte. Zwar wird solcher Content von den Plattformbetreibern auch schnell wieder gelöscht, aber zuvor erreicht er noch genügend Menschen.

Man kann also durchaus zu Recht fragen, ob es in Zeiten wie diesen noch Kunstfiguren bedarf, die stellvertretend für das Böse in uns allen „böse“ Dinge sagen oder (virtuell) tun. Muss „das Böse“ erst künstlerisch freigelegt werden, wenn das reale Böse im Prinzip nur einen Klick entfernt ist?

Ist das überhaupt eine Kunstfigur, die da spricht?

Die Frage berührt das grundsätzliche Verständnis meiner künstlerischen Tätigkeit. Daher wäre es wohl an der Zeit, auch dies einmal zu reflektieren. Es ist inzwischen 12 Uhr, ich trinke Kaffee und in der Playlist läuft Brotha Lynch Hung, der gerade davon erzählt, Babygehirne zu verspeisen. Und während es läuft frage ich mich, warum ich es höre; warum hat es so eine verdammt beruhigende Wirkung auf mich, künstlerisch dargestellte Gewalttaten zu konsumieren?

Bild aus Sin City
Wie hab ich ihn als Kind geliebt: Frank Millers Comic „Sin City“

Wenn ich so darüber nachdenke, muss man wohl sagen, dass es schon immer so war. Als ich 11 war, wurde meine Mama von meiner Klassenlehrerin in die Schule zitiert, weil ich dauernd Comics zeichnete, in denen Leute zerhackt wurden und Kopfschüsse bekamen. Die Inspiration dazu hatte ich wiederrum aus Erwachsenen-Comics wie „Sin City“, „Akira“, „Morbus Gravis“ oder „Torpedo“. Ich habe diese Comics heute noch und weiß auch noch, wie gern ich sie gelesen habe. Als Jugendlicher entdeckte ich Horror- und Splatterfilme wie „Halloween“, „Blutgericht von Texas“ und „Nightmare on Elm Street“. Und ich erinner mich, wie wundervoll war es, in „Doom“ und „Wolfenstein 3D“ umherzusliden und Gegner abzuknallen, ob es nun Marsmonster oder Nazis waren. Und war von all dem Rap, den ich hörte, nicht immer Ice-T am interessantesten, der sich auf seiner „Home Invasion“-LP mit Charleton Heston, der NRA, Tipper Gore und sämtlichen anderen US-Institutionen angelegt hatte?

Man kann nun über Gründe und Ursachen spekulieren, aber sparen wir uns das an dieser Stelle. Bleiben wir beim Offensichtlichen: dass künstlerische Gewaltdarstellung auf mich eine offenbar katalytische, ausgleichende Funktion hat. So, wie mich in diesem Augenblick Brotha Lynch Hung runterbringt, so haben mich damals Akira, Leatherface und William B.J. Blazkowicz beruhigt.

Only ’90s Kids Will Remember

Geht es eigentlich also nicht um etwas anderes? Werfen wir mal einen Blick auf meine künstlerische Produktion. Natürlich habe ich auf Alben wie „Der Teenieslasher“, einer Rap-Hommage an die Slasherfilme der 1980er, Konzepte entwickelt und Zusammenhänge hergestellt, die dem Ganzen einen höheren, künstlerischen Sinn geben. Aber sind gerade Tracks wie „Hass“ oder „Shuffle“ nicht Belege dafür, dass diese Konzepte auch nur vorgeschoben sind? Geht es nicht vielmehr um die Faszination an exzessiver, künstlerischer Gewalt an sich, die mich ja offenbar schon mein ganzes Leben begleitet?

Und ist also dieses Kunstfigur-Ding nicht eigentlich eine billige Ausrede, damit ich meinem inneren Schweinehund ungehindert freien Lauf lassen, und dann aber argumentieren kann: „Ja, hey, es ist ja nur eine Kunstfigur, die so etwas sagt, das bin gar nicht ich“?

Mir kommt in den Sinn, was der nach wie vor höchst umstrittene Comic-Künstler Robert Crumb zu sagen pflegte, wenn Leute ihm seine misogynen Comic Strips unter die Nase hielten, und fragten, ob das nicht gesellschaftskritisch gemeint sei.

Das steckt keine Gesellschaftskritik drin. Das kommt direkt aus mir. Diese Bilder, das bin halt einfach ich.

Ich lese mir nochmal den Tweet durch, wegen dem mein Account gesperrt worden ist. Er gibt ziemlich genau wieder, was ich von Querdenkern und diesen ganzen Leuten halte. Und wenn ich „ich“ schreibe, dann meine ich nicht Schwartz die Kunstfigur, sondern Raphael die Privatperson. Scheiß auf Kunstfigur. Diese Gedanken, das bin halt einfach ich.

Weiter geht es in Teil 2.

Ein Gedanke zu „Gewaltfanta – Erfrischung für die Seele (1/3)

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