Gewaltfanta – Erfrischung für die Seele (2/3)

Gewaltfanta 2

Wie Pandemie, Lockdown und Querdenkerdemos zu Frust, Wut und Gewaltfantasien führen. Und wie deren künstlerische Umsetzung uns vielleicht retten kann.


Ich wurde auf Twitter gesperrt! Und das bloß wegen eines Tweets, in dem ich (möglicherweise ein biiisschen aggressiv) über Querdenker hergezogen bin. Aber okay: Nachdem ich mich im ersten Teil, begleitet von meiner Hardcore-Rap-Playlist, mit der Wirkung von gewaltverherrlichender Kunst auseinandergesetzt und einige interessante Dinge über mich selbst und mein künstlerisches Schaffen gelernt habe, geht es im zweiten Teil nun konkret um meine Hassobjekte: die Querdenker. Und um die Corona-Pandemie, die unsere ach so zivilisierte Gesellschaft arg auf die Probe stellt.

Teil 2: Gesellschaft am Limit

Vom Ergebnis meines „Kunstfigur“-Gedankengangs ernüchert, mache ich die Musik erst einmal aus. Die Tasse ist leer, neuer Kaffee muss her. Ey das reimt sich lol direkt mal twit- ach, fuck. Ja, genau. So it goes. Aber okay: auch wenn ich gesperrt bin, kann ich auf Twitter noch mitlesen.

Gehen wir also mal auf Twitter und schauen nach, was für Replys ich unter dem inkriminierten Tweet bekommen habe. Der Tweet hat eine recht große Reichweite erhalten, also auch eine Menge Antworten. Ich scrolle mich durch die Replys der regulären Follower, finde viel Zuspruch, ok cool. Und dann steht dort bedrohlich der Link „Weitere Antworten anzeigen“. Was ab dort folgt, sind die Replys irgendwelcher anderer Twitter-User, die den Tweet angezeigt bekommen haben, ohne dass sie mir folgen oder mich kennen. Also auch Querdenker und Covidioten, vulgo: Schwurbler. „Weitere Antworten anzeigen“ markiert sozusagen eine Grenze: was jetzt kommt, kann hässlich werden.

Mir ist danach die Tore zur Hölle aufzustoßen, also tippe ich auf „Weitere Antworten anzeigen“. Willkommen also im Purgatorium:


Es ist tatsächlich wie ein Blick in den nietzscheanischen Abgrund. Nicht, dass mich solche Kommentare aus der Ruhe bringen: auf Grund der doch eher kontroversen Musik, die ich mache, lassen mir random Internetuser seit 15 Jahren Drohungen und Beleidigungen angedeihen, und ich bin weitaus Heftigeres gewohnt.

Das Mindframe der Schwurbler

Aber die Geisteshaltung, die sich hinter dem Tonfall verbirgt. Die Art und Weise. Diese selbstgefällige Attitüde, die sich aus dem Glauben speist, im Besitz sicheren Wissens zu sein, ja, haha träum weiter du Schlafschaf zwinker zwinker drei Tränenlach-Emojis. Ich merke, wie sich in meinen Eingeweiden schon wieder ein Gewölle aus Wut zusammenknäult.

Genau das kotzt mich bei Schwurblern am meisten an: Diese dummdreiste Arroganz oder arrogante Dummdreistigkeit, die das Fundament ihres gesamten Handelns ist. Ob es nun keifende Wutbürgernazis vor dem Reichstag sind oder unermüdliche Kommentartrolle, die, scheinbar sokratische Fragen stellend, ihre „seriösen Quellen“ in Form von Links zu Youtube-Schwurbelvideos oder alternativen Medien spreaden: alle haben sie gemein, dass sie sich im Besitz einer ganz offensichtlichen, aber doch irgendwie vom Mainstream boykottierten Wahrheit wähnen.

Der Autor Sascha Lobo hat diesen Menschentypus, der uns über die sozialen Medien immer wieder in den Alltag schwappt, in einem brillanten Spiegel-Essay bereits 2015 sehr treffend charakterisiert. Die zu Grunde liegende geistige Haltung nennt er „Pseudoskepsis“. Sie ist eine Art deformiertes kritisches Hinterfragen: alles (also wirklich: ALLES) wird angezweifelt – nur halt nicht die eigene Wahrnehmung.

Aus dieser absurd egozentrischen und zugleich bildungsfeindlichen Attitüde speisen sich folgerichtig auch sämtliche Überzeugungen von Verschwörungstheoretikern, angefangen bei den Chemtrail-Jockels („Man sieht doch von hier unten, dass die Flugzeuge was versprühen!!1“) über Reichsbürger („Wieso heißt es Personalausweis und nicht Personenausweis, seht ihr? Wir sind alle nur Personal der BRD GmbH!!!1“) bis hin zu den Flacherdlern („Da, seht ihr, der Horizont ist flach und krümmt sich gar nicht, das sieht man doch von hier aus!!!1“).

„Sie hom mir ins Gsichd gfilmd des is 1 Schdrofdod!!!11“

Was bei Chemtrailern und Flacherdlern zumindest noch einen gewissen Entertainment-Faktor hat, wird allerdings schon bei den Reichsbürgern zunehmend zu einem Problem, denn die verteidigen ihre Ideologie mitunter mit Waffengewalt. Und auch im Zuge der Corona-Pandemie wurden schnell Stimmen laut, die, mit der neuen Situation komplett überfordert, die (naturgemäß sehr widersprüchliche) Datenlage zum Anlass nahmen, die Auswirkungen und Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie anzuzweifeln. Wobei „anzweifeln“ in dem Fall bedeutet, dass sie beim kleinsten Widerspruch instant davon überzeugt waren, dass das alles ein riesen Fake sei, „Plandemie“, „Masken-Maulkorb“, ich meine, wir kennen deren komische Sprüche. Und solche Überzeugungen werden zu einer reelen Gefahr für uns alle.

Die Covid-19-Pandemie: Stresstest für die Zivilgesellschaft

Ich denke, wir sind uns einig: mit der Covid-19-Pandemie ist eine gesellschaftliche Ausnahmesituation direkt in unserem Alltag eingeschlagen wie ein Asteroid. Auf einmal herrscht Maskenpflicht in Supermärkten und im ÖPNV, eigentlich überall. Auf einmal sind Boutiquen, Kneipen und Restaurants geschlossen, werden Konzerte abgesagt, neuartige Wortungetümer wie „Lockdown“, „Social Distancing“ und „Inzidenzwerte“ prasseln auf uns ein. Wir sind unsicher, erwarten klare Fakten von der Wissenschaft und verbindliche Richtlinien von der Politik, und stellen dann fest, dass weder das eine, noch das andere garantiert ist, und jede Richtlinie morgen schon wieder passé, jeder Fakt verworfen sein kann. Die da oben, die ganzen klugen Köpfe, die sind offenbar genauso ahnungslos wie wir.

Wir suchen eine Logik in all diesen wirren Maßnahmen, aber wir finden keine: Schulen zu, dann doch wieder auf, Home Office ist verpflichtend, ach nein, doch nicht, Fußpflege okay, Haarescheiden nicht, im proppevollen Supermarkt einkaufen geht klar, in der Boutique nebenan nur mit Terminvergabe, Lockdown verschärfen, ja, nein, lockern, jetzt doch der Mega-Lockdown, nein, lieber Ausgangssperre, die Kneipe nebenan bleibt zu, naja, dann halt Urlaub auf Malle, das geht ja klar, ich meine, was zur Hölle? Immerhin hat’s inzwischen genug Toilettenpapier, ein Gut, um das man sich vor einem Jahr noch buchstäblich geprügelt hat.

Der Bitcoin der Covid-19-Pandemie: Scheißhauspapier

Und dann die Fallzahlen! Was für eine Pandemie ist das denn, wenn nicht wie damals bei der Pest, bei der Spanischen Grippe oder halt wie in Filmen wie „Outbreak – Lautlose Killer“ die Leichen dutzendfach auf den Straßen gestapelt werden? Ich meine, wir kennen alle die Bilder, aus den Geschichtsbüchern oder Blockbustern, und das Geschehen hier und jetzt, das hat wenig damit zu tun, und wir merken nicht einmal, wie zynisch diese Gedanken sind.

Hach ja, unsere achso schöne, fortschrittliche und zivilisierte Gesellschaft. In der Krise hat sich schnell, viel zu schnell gezeigt, wie hauchdünn das Fundament eigentlich ist, auf dem wir seit eh und je mit behäbiger Selbstverständlichkeit jeden Tag herumtrampeln. Und wie sehr unsere gewohnheitsgelullten Gehirne mit Veränderungen überfordert sind.

Wir sind am Limit. Alle.

Dabei bedarf es eigentlich keiner sonderlich hohen Intelligenz um zu verstehen, warum alles so durcheinander läuft. Die Wissenschafter, die sich mit den Auswirkungen der Pandemie befassen, die Infektionszahlen und Sterbefälle auswerten und Inzidenzwerte errechnen, arbeiten mit Daten, die aus einem laufenden Prozess erhoben werden – und die sich im Pandemiegeschehen naturgemäß täglich ändern. Entsprechend schwierig ist es, definitive Aussagen zu treffen. Hinzu kommt, dass SARS-Cov-2 eine neuartiges Virus ist; es weist zwar offenbar Ähnlichkeiten mit bekannten Viren wie der Grippe auf, kann aber auch die Nieren befallen oder eine Lympophenie auslösen. Man weiß sehr wenig über die Krankheit Covid-19, und noch weniger über etwaige Langzeitfolgen: krankhafte Veränderungen des Lungengewebes gelten aber als sehr wahrscheinlich.

Die Politik, die mit diesen vagen und vorläufigen Ergebnissen der Wissenschaft arbeiten muss, steht dann zusätzlich vor der komplexen Herausforderung, die Bevölkerung bestmöglich zu schützen, das öffentliche Leben zu managen, und die Interessen und unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten der verschiedensten Bevölkerungsgruppen und Wirtschaftszweige zu berücksichtigen. Und wie heillos chaotisch das abläuft haben wir ja mitbekommen: Eilig verabschiedete Beschlüsse wie der „Mega-Lockdown“ über Ostern werden wieder zurückgenommen, weil die ärmeren Teile der Bevölkerung halt nicht mal eben für eine Woche Lebensmittel einkaufen können. Rettungspakete für Unternehmen wurden geschnürt, die jedoch in typisch deutschbürokratischer Manier durch einen verworrenen Anforderungskatalog und lange Bearbeitungszeiten die mittelständischen Firmen und Steuerbüros ächzen ließen. Bei der Einrichtung von Home Schooling und -Office rächen sich schließlich die jahrzehntelang verschleppten Versäumnisse der flächendeckenden Digitalisierung, ach, ich könnte ewig so weitermachen, aber wofür? Wir sind ja live dabei.

Über ein Jahr hält das Pandemiegeschehen inzwischen an, und wir alle sind erschöpft. Wir müssen den ganzen Tag neue Informationen verarbeiten, die in Echtzeit auf uns einprasseln, wir müssen nonstop Meldung von Analyse und Meinung trennen, im Kopf Richtwerte und Infos erneuern oder auswechseln, wissend, dass es morgen vermutlich schon wieder ganz anders sein wird. Auf jede gute Nachricht folgt eine schlechte. Wir haben einen Haufen kognitiver Dissonanzen zu bewältigen, das Präventionsparadox, das Seltenes-Ereignis-Paradox, wir müssen die Erwartungen, die unsere katastrophenfilmgeprägten Gehirne an eine Pandemie haben, mit der Realität, mit der Funktionsweise unseres (noch) stabilen Gesundheitssystems in Einklang bringen.

Im Grunde der ideale Soundtrack für die Einsamkeit des Lockdowns: mein Track „Allein“ (2019). Sry für Werbung.

Und wir müssen mit diesen neuen Alltagssituationen zurechtkommen. Mit der Hilflosigkeit. Dem zermürbenden Lockdown. Und vor allem mit der Ungewissheit, den vielen Fragezeichen. Wir sitzen da und kauen mechanisch auf diesen ganzen Fragen herum, wie lange noch, wie viel denn noch, was noch alles, was als nächstes, wir finden keine Antworten und schlucken den schalen Geschmack einfach runter, Wut und Frust sammeln sich im Magen. Die meisten von uns sind fertig, einfach nur noch kaputt, nervlich, psychisch und seelisch.

Ich gebe zu: auch ich bin vom Pandemiegeschehen überfordert, vom Informationsoverkill. Ich weiß längst nicht mehr, welche Inzidenzwerte „gut“ oder „schlecht“ sind, ich weiß nicht, ob die Maßnahmen, die da beschlossen werden, immer richtig sind. Ich fühle mit den Notleidenden der Krise, Künstlern, Eventmanagern und Gastronomen, die um ihre Existenz kämpfen, kleinere Unternehmen gehen reihenweise pleite. Auf der anderen Seite hat aber halt jede Lockerung des Lockdowns einen direkten und messbaren Impact auf die Infektionen, was wiederrum bedeutet, dass man immer wieder von vorne anfängt. Und geschockt bin ich vom miserablen Krisenmanagement der Bundesregierung, von ihrer Unfähigkeit, die Impfkampagne ordentlich ins Rollen zu bringen und endlich einmal sinnige und nachvollziehbare Regelungen zu finden. Aber was kann ich schon tun? Ich weiß es schließlich auch nicht besser. Keine Ahnung, wie das weitergehen soll.

Eine Gatling Gun, bitte!

Wenigstens haben wir Social Media. Ein Lichtblick. Eine Möglichkeit, dass die Welt trotz Lockdown und Social Distancing miteinander in Kontakt bleibt. Also aktualisieren wir die Timeline. Und dann sehen wir die Covidioten, Querdenker und Schwurbler, diesen Haufen Menschen in den Innenstädten lachend und polonaisetanzend „Ein bisschen SARS muss sein“ singen, und das Gewölle aus Frust und Wut im Bauch zuckt und beginnt zu wachsen, wir sehen Esoteriker, die die Krankheit wegtanzen wollen, Flashmobs von Pandemieleugnern, die mit wahnsinnig leuchtenden Augen Leuten im ÖPNV „Maske runter!“ entgegenschreien, ihre Demos, wo sie massenhaft gegen die Maskenpflicht verstoßen und ihre Kinder als menschliche Schutzschilde in die erste Reihe stellen, damit die Polizei keine Wasserwerfer einsetzt, Dudes mit dummdreistem Grinsen, die stolz ihren „Ungeimpft“-Judenstern präsentieren, und irgendwann wird das Gewölle im Bauch lebendig, eine wütende, tobende Kreatur, die einfach nur noch nach einer Gatling Gun schreit.

Sicher: Menschen reagieren unterschiedlich auf Überforderung. Und natürlich lässt sich das Mindframe der Covidioten, Querdenker und Schwurbler verstehen, wie Lobos o.g. Essay gezeigt hat. Durch die Überforderung flüchten sie sich in einfache Erklärungsmuster, sie verdrängen die Angst und Unsicherheit durch das vermeintliche Wissen über irgendeinen geheimen Plan, usw., ja, aber ganz ehrlich: es ist mir scheißegal. Ich meine, das sind Leute, die Schilder tragen mit der Aufschrift „Schützt unsere Kinder“, und gleichzeitig ihre Kinder als Schutzschilde mit zu solchen Demos nehmen, wirklich, ich krieg das nicht gebacken.

Sie haben Zugang zu den gleichen Informationen wie ich, aber sie haben sich dazu entschieden, sie nicht mehr zu bewältigen, sie glauben es besser zu wissen. Sie haben einfach beschlossen, auf alles zu scheißen. Also scheiß auch auf sie, brüllt das Vieh in meinem Bauch, während es in meinen Eingeweiden wühlt, Scheiß auf sie alle, und wenn sie mir polonaisetanzend ins Gesicht lachen, will ich ihnen einfach nur das dämliche Grinsen aus der Fresse tr███ und sie in St█████ ███████████ diese verf████████ ████ Hu██████████ [Editorische Notiz: kein Plan, ob Selbstzensur hier nötig ist, aber sicher ist sicher].

Ein GIF sagt mehr als 1000 Worte

Und ich weiß, dass es nicht nur mir so geht. Die wütende Kreatur in meinem Bauch ist nur meine persönliche Personifikation einer kollektiven Bestie, die sich gerade durch die Gesellschaft frisst; eine Gesellschaft, die komplett am Limit ist, in allen Belangen. Die keine Lust mehr hat, mit Pandemieleugnern zu reden, ich meine, wir kennen ihre Argumente, bzw. den stumpfen Seich aus schwurbeligen Behauptungen und wahnwitziger Überzeugung, den sie für Argumente halten, und es macht keinen Sinn, mit ihnen zu reden, und deswegen will man sie im Grunde nur noch ████████ und vorher evtl. ██████████ und ██████████ und ihnen die █████ ██████████████ mit einem ██████████, ahhh, das tut wohl! Auch ein Schluck Gewaltfanta gefällig?

Whatever: der Kaffee ist jedenfalls auch alle. Und vielleicht ist das ein guter Moment, den 2. Teil zu beenden. Ehe das hier noch völlig eskaliert.

Weiter geht es in Teil 3.

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